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Louise Bourgeois‘ Zellen im Haus der Kunst München

Hoch komplex und provokativ locken die Zellen von Louise Bourgeois den Blick des Betrachters in kleine Käfige oder in raumfüllende Installationen. Bourgeois‘ Zellen beinhalten skulpturale Arbeiten der Künstlerin, Objets trouvés und bedeutungsgeladene Gegenstände aus ihrem persönlichen Besitz. Jede ist ein facettenreiches und dichtes Arrangement in einem Gehäuse, das als spannungsreiche Barriere zwischen Bourgeois‘ Innenwelt und der Außenwelt des Ausstellungsraums steht. Das Haus der Kunst zeigt jetzt die größte Zusammenschau dieses Werkkomplexes, die es bisher gegeben hat.

Im Laufe ihrer langen künstlerischen Laufbahn hat Louise Bourgeois (1911-2010) Ideen und formale Neuerungen entwickelt, die später zu Schlüsselpositionen in der zeitgenössischen Kunst wurden. So ist sie eine der ersten Künstlerinnen, die installativ arbeitete, indem sie ihre Skulpturen als zusammenhängende Teile in einem räumlichen Kontext arrangierte. Zu den innovativsten und anspruchsvollsten skulpturalen Arbeiten innerhalb ihres umfangreichen Œuvres gehören die Zellen, mit denen sich die Künstlerin über zwanzig Jahre lang beschäftigte.

Louise Bourgeois Zellen im Haus der Kunst München
Louise Bourgeois, RED ROOM (PARENTS), 1994 (detail), Wood, metal, rubber, fabric, marble, glass and mirror, 247.7 x 426.7 x 424.2 cm, Private Collection, Courtesy Hauser & Wirth, Photo: Peter Bellamy, © The Easton Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Die Zellen als vielschichtige Erinnerungsräume

Jede Zelle ist wie ein eigener Mikrokosmos: ein Gehäuse, das die Innenwelt von der Außenwelt trennt. In diesen einzigartigen Räumen komponiert die Künstlerin mit gefundenen Gegenständen, Kleidungsstücken oder Stoffen, Mobiliar und markanten Skulpturen eine theaterähnliche Szenerie, die emotional stark aufgeladen ist. Louise Bourgeois sagte 1991 über diese Werkserie:

„Die Zellen repräsentieren verschiedene Arten von Schmerz: physischen, emotionalen, psychologischen, geistigen und intellektuellen Schmerz … Jede Zelle befasst sich mit dem Genuss des Voyeurs, mit dem Reiz des Sehens und Gesehenwerdens.“

Der Begriff der „Zelle“ besaß für Louise Bourgeois viele Konnotationen, die von der biologischen Zelle eines lebenden Organismus bis zur Isolation einer Gefängnis- oder Klosterzelle reichten. Für die Künstlerin verbildlichte er aber vor allem das zentrale Thema in ihrem Werk: die Traumata ihrer Kindheit und der Familie.

Verarbeitung persönlicher Traumata

Der familiäre Zusammenhalt im Hause Bourgeois war großen Belastungen ausgesetzt, denn der Vater hinterging die Mutter mit dem Au pair Sadie, die fast zehn Jahre lang im Haus wohnte. Wie in einem Spiel mit vertauschten Rollen pflegte Louise ihre Mutter, die an einer schweren Influenza erkrankt war. Als die Mutter anfing Blut zu husten, ließ sie sich von Louise dabei helfen, die Krankheit vor dem Vater zu verbergen. Früh wurde Louise in ein Geflecht von widersprüchlichen Gefühlen – wie Bewunderung und Solidarität, Wut und Ohnmacht – verstrickt.

Das künstlerische Schaffen von Louise Bourgeois stellt eine Aufarbeitung ihrer Kindheit dar. Auch in den Zellen gibt es zahlreiche Hinweise auf Personen und Erlebnisse. So nehmen die Nadeln, Fäden und Spindeln, die in die Zellen integriert sind, Bezug auf die Kindheit der Künstlerin sowie auf die Arbeit ihrer Eltern – die Mutter restaurierte kostbare Tapisserien. Die gesamte Serie der Zellen kreist um den Wunsch, zu erinnern und gleichzeitig vergessen zu wollen. „Du musst deine Geschichte erzählen und sie dann vergessen. Vergessen und vergeben. Das befreit dich“, hatte Louise Bourgeois einmal gesagt.

Louise Bourgeois Zellen im Haus der Kunst München
Louise Bourgeois, CELL XXVI, 2003 (detail), Steel, fabric, aluminum, stainless steel and wood, 252.7 x 434.3 x 304.8 cm, Collection Gemeentemuseum Den Haag, The Netherlands, Photo: Christopher Burke, © The Easton Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2015

„In der Kunstgeschichte ohne Beispiel“

Als neue skulpturale Kategorie haben die Zellen „ihren Platz irgendwo zwischen musealem Panorama, Theater-Inszenierung, Environment oder Installation und skulpturalem Gesamtwerk, das in dieser Form und Quantität in der Kunstgeschichte ohne Beispiel ist“, so Julienne Lorz – Kuratorin der Ausstellung.

Zählt man die fünf Vorläufer für die Zellen, die ab 1986 mit „Articulated Lair“ entstanden sind, hinzu, so hat Louise Bourgeois insgesamt 60 Zellen geschaffen. Im Haus der Kunst werden zwei dieser Vorläufer sowie 30 Zellen gezeigt. Damit ist die Ausstellung im Haus der Kunst München die größte Zusammenschau dieses Werkkomplexes, die es bisher gegeben hat.

Louise Bourgeois. Strukturen des Daseins: Die Zellen
Haus der Kunst, München
27.02 – 02.08.15
www.hausderkunst.de



Katalog zur Ausstellung:

Louise Bourgeois. Strukturen des Daseins: Die Zellen

Hrsg. von Julienne Lord / Mit einem Vorwort von Okwui Enwezor; mit Beiträgen von Bart De Baere, Lynne Cooke, Kate Fowle, Jerry Gorovoy, Julienne Lorz, Griselda Pollock, Dionea Rocha Watt, Nancy Spector und Ulrich Wilmes / 21,5 x 27 cm / 280 Seiten mit 90 Farbabbildungen / Prestel Verlag

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hat Kunstgeschichte, Germanistik und Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena studiert. Er arbeitete bei der Stiftung für Konkrete Kunst und Design Ingolstadt an mehreren Ausstellungen und Publikationen mit und war als Redakteur und Kurator tätig. 2011 gründete er kunstgeschichte.info.

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