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Die Renaissance der Michelangelo Bronzen – Kunsthistoriker kritisieren Zuschreibung

Michelangelo - Fitzwilliam Museum Cambridge: Rothschild Bronzen
Nude bacchants riding panthers, ca.1506-08; © Fitzwilliam Museum, Cambridge

Es wären die ersten erhaltenen Bronzeplastiken von Michelangelo – eine kunsthistorische Sensation. Um die Werke geht es aber gar nicht vordergründig in der aktuellen Debatte. Um den Künstler geht es und der heißt Michelangelo, behauptet jetzt eine Ausstellung im Fitzwilliam Museum Cambridge. Doch Kunsthistoriker kritisieren, es gäbe keine überzeugenden Beweise.

Die Geschichte der Rothschildplastiken

Die beiden Bronzen sind seit 1878 bekannt. Damals wurden sie bei der Pariser Weltausstellung als Werke Michelangelos ausgestellt. Sie waren Teil der Sammlung von Adolphe de Rothschild, einem französischen Bankier. Diese Zuschreibung wurde aber in Frage gestellt und wieder verworfen. 2002 ersteigerte sie ein britischer Sammler bei Sotheby’s in London für 1,65 Millionen Pfund als „Florentiner Werke“. Schon kurze Zeit später waren sie im Rijksmuseum Amsterdam als Werke von Wilhelm van Tetrode ausgestellt. In der Royal Academy London wurden sie 2012 in der Ausstellungen „Bronzes“ als „Rom, um 1550“ gezeigt. Jetzt erlebt die Zuschreibung an Michelangelo eine Renaissance.

Was spricht für Michelangelo?

Ein emeritierter Professor der Kunstgeschichte in Cambridge will den Beweis gefunden haben, dass die Werke doch von Michelangelo stammen. Paul Joannides hat eine Zeichnung im Musée Fabre in Montpellier entdeckt, die er in direkten Bezug zu den Bronzeplastiken setzt. Es handelt sich um eine Skizze aus dem Umfeld von Michelangelo, die einen nackten Mann zeigt, der auf einem Panther reitet. Sein Körper ist ähnlich gedreht, allerdings ist er im Verhältnis zum Panther wesentlich kleiner, als bei den Bronzen in Cambridge. Bei dem Blatt soll es sich um Kompositionszeichnungen eines Schülers von Michelangelo handeln, der Werke seines Meisters kopierte.

Unknown draughtsman after Michelangelo Buonarroti, Sheet of studies with the Virgin embracing the Infant Jesus, c.1508, pen and ink on paper, 29 x 20 cm, Musée Fabre, Montpellier, © Musée Fabre de Montpellier Méditerranée Métropole
Unknown draughtsman after Michelangelo Buonarroti, Sheet of studies with the Virgin embracing the Infant Jesus, c.1508, pen and ink on paper, 29 x 20 cm, Musée Fabre, Montpellier, © Musée Fabre de Montpellier Méditerranée Métropole

Daraufhin wurden die Bronzen mit Arbeiten von Michelangelo aus der Zeit von 1500 bis 1510 miteinander verglichen. Bezüglich Stil und Anatomie lassen sich deutliche Parallelen beobachten. So kann man beispielsweise formale Übereinstimmungen in der Darstellung der Muskulatur feststellen.

Michelangelo Buonarroti, A nude young man, to front, looking to right, beckoning; and a study of a right leg, 1503/4, pen and two shades of brown ink; black chalk (leg study) on paper, 38 x 23 cm, The British Museum, London, © The Trustees of the British Museum
Michelangelo Buonarroti, A nude young man, to front, looking to right, beckoning; and a study of a right leg, 1503/4, pen and two shades of brown ink; black chalk (leg study) on paper, 38 x 23 cm, The British Museum, London, © The Trustees of the British Museum
Michelangelo - Fitzwilliam Museum Cambridge: Rothschild Bronzen
Nude bacchants riding panthers, ca.1506-08; © Fitzwilliam Museum, Cambridge

Kritik an der Zuschreibung

Die Zuschreibung der Werke an Michelangelo ist aber durchaus problematisch, denn die Bronzen sind in keiner Form dokumentiert. Bei der aktuellen Datierung – zwischen 1506 und 1508 – wäre allerdings zu erwarten, dass dies geschehen sei, sagte Frank Zöllner in einem Interview mit dem Deutschlandfunk.

„Das Problem ist, dass diese beiden Skulpturen, die man jetzt als Michelangelo vorstellt, nirgendwo eine Dokumentation finden.“ (Frank Zöllner)

Der Kunsthistoriker ist Mitautor des Michelangelo-Werkverzeichnisses im Bereich Skulptur. Bezeichnenderweise ist er von den Experten in Cambridge nicht angesprochen worden. Der Vergleich der Bronzen mit Zeichnungen von Michelangelo überzeugt ihn nicht, schließlich sei es ein Trugschluss, dass zwei Dinge, die sich ähnlich sehen, zwangsläufig miteinander zu tun haben. Der Stilvergleich zwischen den Muskelpartien der Bronzeplastiken und Michelangelo-Zeichnungen stelle keinen Beweis für die Urheberschaft Michelangelos dar. Natürlich könne man eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den beiden Muskelpartien feststellen, aber dabei handle es sich nur um eine sujetbedingte Ähnlichkeit, so Zöllner.

„Irgendwie bleibt die wissenschaftliche Objektivität auf der Strecke“ (Charles Davis)

Im Blog von arthistoricum.net kritisiert auch der Kunsthistoriker Charles Davis die Zuschreibung. Er hat bereits mehrere Publikationen über Michelangelo und die Kunst der Renaissance veröffentlicht. Davis sieht darin eine gezielte Manipulation des Marktwertes durch den Privatbesitzer, der auch im Kunsthandel aktiv sei. Zugleich kritisiert er die Presse, die diese Meldung zu unreflektiert in den Feuilletons bespricht. Allein die Süddeutsche Zeitung habe erkannt, dass dies ein Thema des „Kunstmarkts“ sei.

Wird sich diese Zuschreibung durchsetzten können?

Am 6. Juli 2015 findet eine Fachtagung in Cambridge statt und die Bronzen werden dem prüfenden Blick der Fachwelt ausgesetzt. Man darf gespannt sein, ob Michelangelo-Experten an der Tagung teilnehmen und zu welchem Ergebnis sie gelangen.

„Kein namhafter Michelangelo-Experte ist bislang auf den Plan getreten, der diese Zuschreibung stützt.“ (Frank Zöllner)

Charles Davis mahnt, der Fachkongress dürfe nicht zu einer Werbeveranstaltung werden. Und auch Frank Zöllner warnt davor, solche „Zuschreibungsriten“ voreilig mitzumachen, sondern ein „kritischer Geist“ zu bleiben.

Die Rothschild Bronzen werden bis zum 9. August 2015 im Fitzwilliam Museum in Cambridge ausgestellt.
www.fitzmuseum.cam.ac.uk

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